Nerd, der

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Ich muss Ihnen ein Geständnis machen. Ich bin gar kein Nerd. In Wahrheit bin ich ein unterbezahlter Laien-Darsteller, der sich als Statist und mit kleineren Nebenrollen durchschlägt. Als mich die Redaktion des Duvenstedter Kreisels bat, für diese Kolumne den Nerd zu geben, hatte ich lange mit mir zu hadern. Die Aussicht, in der Öffentlichkeit als Nerd dazustehen, empfand ich als nicht besonders erstrebenswert. Meine Lebensumstände waren schon verkorkst genug. Nun auch noch den Stempel des technikaffinen, sozial isolierten Sonderlings zu erhalten, war mir, gelinde gesagt, zu viel des Guten. Zudem, mich in die Rolle einzuleben, würde mir, so befürchtete ich, ausgesprochen schwer fallen. Heute – über ein Jahr später – gehen mir Artikel über automatische Updates und Speicherlösungen schon recht locker von der Hand. Mein Klingonisch ist zwar noch ausbaufähig, aber mein Bart meistens ungepflegt und der Kühlschrank stets gut mit Mate-Limonade bestückt. Anders ausgedrückt: Ich habe deutlich die professionelle Distanz zu meiner Rolle verloren.

nerd Die Herkunft des Wortes „Nerd“ ist nicht zweifelsfrei geklärt. Angeblich wurde es in einem Gedicht des amerikanischen Kinderbuch-Autors Dr. Seuss zum ersten Mal verwendet, wo es aber etwas vollkommen anderes bezeichnete als das, was wir heute unter dem Begriff verstehen. Ab wann es für schrullige, tendenziell introvertierte aber fachlich hoch begabte oder belesene Eigenbrötler stand, ist ebenfalls nicht ganz klar. Dieser schwammige Hintergrund passt jedoch ganz hervorragend, denn ob es gut oder schlecht ist, ein Nerd zu sein, dass hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Während Nerds sich selbst als Nerd und andere Nerds in der Regel ganz gut finden, finden Nicht-Nerds Nerds nicht umbedingt gut. Wenn Ihnen das noch nicht kompliziert genug ist, dann können Sie gerne einmal versuchen einen, „Nerd“ von einem „Geek“ zu unterscheiden. Nichtsdestotrotz kann man wohl festhalten, dass dem Begriff etwas leicht Spöttisches und Mitleidiges anhaftet. Hätte der Nerd nicht sein beeindruckendes, technisches Know-How und Talent, dann hätte er schließlich rein gar nichts oder nur sehr wenig. Oder anders ausgedrückt: Wenn der Computer noch funktioniert und kein Telefon-Joker für die Star-Trek Frage im Familien-Quiz benötigt wird, kann man mit so einem muffeligen, kleinen Nerd eigentlich nichts anfangen. Das ganze hat nur einen Haken: „Wenn“.

Wir leben in einer durch-technisierten Welt, in der sich selbst in Küchengeräten zunehmend internetfähige Computer befinden. Die Zeiten, in denen Papa mit einer Büroklammer, etwas Geschick und viel Mut einen Fernseher mit Wackelkontakt selbst hat reparieren können, die sind ein für alle Mal vorbei. Das oberflächliche Wissen darum, dass „der Strom da einfach irgendwie durch muss“ reicht heute nicht mehr. Gefragt sind Menschen, die sich in die Materie einarbeiten, tief in sie eintauchen und elektromagnetische Wellen surfen können. Menschen, die sich von Bits und Bytes ernähren, Schaltpläne auswendig lernen und sich von Bedienungsanleitungen und dem Begriff „Zweckbestimmung“ nicht einengen lassen. Das ist schwer. Sehr schwer sogar und verlangt daher Fokussierung. Das Problem und dessen Lösung muss wichtiger sein als der Mensch, das Essen, der Bart, das Wetter, ob man als erster oder letzter in die Fußballmannschaft gewählt wird oder mitleidige Blicke erntet, weil man offen seine Liebe zu Seven-Of-Nine gesteht. Der Wind hat sich gedreht, die Machtverhältnisse haben sich geändert. Die Papierkügelchen auf Streber werfenden Klassen-Lieblinge von damals sind heute des Nerds Kunden.

Im Grunde genommen ist es also eigentlich ganz schön cool, ein Nerd zu sein. So cool, dass sogar Geld damit verdient wird. Denn das Nerd-tum ist im Mainstream angekommen.

Große und kleine, echte und Möchtegern-Nerds kleiden sich freiwillig mit Atari-Shirts, hängen Tetris-Lampen ins Büro und Super-Marios aus Plüsch an den Rückspiegel. Zu erkennen, wer ein Nerd ist oder wer nur so tut als ob, wird immer schwieriger. Übellaunige „There’s no place like 127.0.0.1“-Shirt-Träger, die keine Ahnung davon haben, was eine IP-Adresse ist und lebensbejahende System-Programmierer, die ihre Freizeit unter freiem Himmel verbringen, so macht auch das schönste Stereotyp keinen Spaß mehr. Was das für mich und meine Rolle bedeutet, weiß ich noch nicht so richtig. Aber nach diesem Text hier finde ich die Tatsache, dass meine Rubrik „Ansichten eines Nerds“ heißt gar nicht mehr so schlimm. In diesem Sinne: „Son ‚oH ‚ej bIQHa’DIbaH qatlho‘.“

Dieser Text erschien zuerst im Duvenstedter Kreisel

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