Autonome Autos

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Raumkreuzer „Hotel-2 Charlie Kilo 337“, Kurs auf Planet Varel. Die Reise verlief bisher ohne nennenswerte Vorkommnisse. Nach Verlassen des äußeren Heimat-Perimeters gingen wir auf Autopilot und rasteten, nach Erreichen der Reisegeschwindigkeit, plangemäß in den Navigations-Strahl von Korridor Alpha-Eins ein. Wir verzeichnen ein erhöhtes Aufkommen von Frachtern. Neu geplante Ankunft: Sternzeit 74998,31. Alle Systeme arbeiten innerhalb normaler Parameter. Passagier Filius-Eins ist wohl auf, zählt Windräder und Pferde. Ich schalte das Radio ein.

Mein unter-motorisierter Polo quält sich schnaufend über die Autobahn. Die Tatsache, dass ich mein Handy als Navigator benutze und es somit quasi Teil der Bordelektronik ist, senkt das Durchschnittsalter aller Komfort-Merkmale an Bord erheblich. Die Anzeige der Ankunftszeit, der zurückgelegten und noch zu fahrenden Kilometer und gelegentliche Durchsagen bezüglich der Verkehrslage vermitteln mir das Gefühl von Fortschritt. Der Pfeil, der bis vor kurzem unsere Position auf der Navigator-Karte markierte, ist nach einem kleinen Software-Patch nunmehr ein Raumschiff-Modell. Dieser kleine Gag beflügelt meine Fantasie.

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich nicht besonders gerne Auto fahre. Es ist langweilig, stupide, Einparken ist mir ein Graus. Und wo andere aus dem manuellen Schaltvorgang einen wesentlichen Teil ihres Fahrspaßes beziehen, ärgere ich mich über einen in meine Karre verbauten Anachronismus. Ein Automatikgetriebe steht demnach auf der Muss-Liste für mein nächstes Auto ganz oben. Ein Tempomat ist dann ohnehin obligatorisch. Am zweitwichtigsten: Die Einpark-Automatik. Kein nerviges Rumkurbeln mehr, keine Suche nach einem Schwupps-Vorwärts-Reinfahr-Parkplatz mehr, keine Blamage-Sorgen mehr. Wenn ich mich nicht verrechnet habe, sollte ich mir ein solches Gefährt im Jahr 2025 leisten können – selbstverständlich gebraucht.

Es ist mir bereits jetzt klar, dass ich dann, im Verhältnis zu dann marktüblichen Autos, wieder eine unter-motorisierte und leider auch untertechnisierte Mühle besitzen werde. Denn sofern die Politik mitspielt und Markt-Prognosen recht behalten, werden zu jenem Zeitpunkt zunehmend autonom fahrende Automobile das Straßenbild bestimmen. Für mich, so ganz als Nerd, ist es eine bittere Pille, schon jetzt genau zu wissen, welche technische Spielerei ich gerne werde haben wollen und bestimmt nicht werde haben können. Ironischer Weise werden es Typen wie ich sein, die der Automobilbranche das Leben schwer machen. Denn nicht das autonome Halten der Fahrspur stellt das größte Problem für die Ingenieure dar, sondern unberechenbare Faktoren wie ich es einer bin. Typen, die beispielsweise durch eine – wohlwollend ausgedrückt – intuitive Fahrweise die schönen Steuerungs-Algorithmen auf eine harte Probe stellen werden. Ein Umstand, der auch ethische Fragen aufwirft.

Menschliche Fahrer treffen spontane Entscheidungen aufgrund ihrer Erfahrungen, einer – meist – detaillierten Kenntnis der Welt um sie herum und der eigenen Ethik. Programmierte Maschinen reagieren auf Basis eines abstrakten Models der Welt, einer vorprogrammierten Bewertungs-Matrix und Statistiken mit Bezug auf eine Kosten-Nutzen-Relation. Halte ich auf einer stark befahrenen Schnellstraße für einen, den Weg kreuzenden Menschen abrupt an? Versuche ich auszuweichen und wenn ja, nach links oder nach rechts? Riskiere ich einen Totalschaden und die Gesundheit meiner Beifahrer, oder eher, dass weitere Verkehrsteilnehmer zu einer Aktion genötigt werden, die sie ebenso gefährden könnte?

Ist eine programmierte Maschine in der Lage, angemessen zuverlässig zwischen einem echten Menschen und einem anderen Hindernis zu unterscheiden? Wer haftet für entstandene Schäden bei gemischter Unfallbeteiligung? Ist es eher der selbst steuernde Mensch, weil er lediglich intuitiv handeln kann? Oder muss man die Schuld grundsätzlich in der Maschine suchen, obwohl sie doch aufgrund Zweck erfüllender Algorithmen stets rational agiert, was wiederum einer absoluten Wahrheit gleicht? Handelt eine Maschine demnach immer richtig? Und wenn nicht, haftet dann ihr Besitzer, weil dieser sich im Vorfeld der Anschaffung hinreichend über die moralischen Vorstellungen und Fertigkeiten ihrer Programmierer hätte informieren können? Was mich angeht, so bin ich mit den heutigen Ausstattungsvarianten und Preislisten schon überfordert. Mir über die Persönlichkeit meines Traumautos Gedanken machen zu müssen, das schreckt mich deutlich ab.

Oder ist es den Programmierern und Herstellen zuzumuten, pauschal die Verantwortung zu übernehmen? Werden wir 2025 so technikgläubig sein? Und wenn nicht, wo liegt der Vorteil im selbstfahrenden Auto, wenn wir es dennoch stets überwachen müssen? Sind wir der daraus folgenden Monotonie des Fahrens überhaupt gewachsen? Viel trivialer und dennoch konsequent ist dagegen die Frage nach dem, was wir mit der gewonnen Zeit anfangen wollen. Nicht zufällig ist Google einer der großen Vorreiter der autonomen Mobilität. Das leuchtet mir ein, weil sein größtes Interesse unsere Aufmerksamkeit ist, der es dann Werbung aufdrängen kann. Getreu dem Motto: „Wo Langeweile herrscht, dort werden Medien konsumiert“. Daher ist es nur logisch, Gelegenheit für Aufmerksamkeit durch Langeweile zu schaffen.

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht. Mir jedenfalls wird im Auto immer speiübel wenn ich als Beifahrer auch nur in eine Landkarte schauen soll; wann immer das das letzte Mal auch gewesen sein mag. Damit scheiden Lesen, Schreiben, Videos Gucken und ähnliches für mich grundsätzlich aus. Bliebe noch Schlafen oder Essen. Ersteres finde ich derzeit sehr verlockend. Daran ist mein Stamm-Passagier nicht ganz unschuldig, aber in zehn Jahren hoffentlich auch etwas nachsichtiger. Und mit dem Essen ist das so eine Sache. Zunächst, weil das im Auto eine ziemliche Sauerei werden kann und zweitens, weil es mir auf Dauer nicht gesund zu sein scheint, etwas zu essen, nur weil man gerade nichts Besseres zu tun hat. Wenn ich ganz ehrlich bin, das fokussierte über die Autobahn Kreuzen wirkt auf mich vor diesem Hintergrund immer attraktiver, fast meditativ. Die Konzentration auf relativ wenig, die vorbeiziehende Landschaft, das Gefühl, während der Fahrt von allen akuten Aufgaben entbunden zu sein, das möchte ich doch nicht missen. Jetzt, wo ich das so überdenke, scheint mir ein Automatik-Getriebe eigentlich zu genügen.

Wir verringern die Geschwindigkeit, der Landekorridor ist schmal. Ich beschließe auf Sicht zu fliegen. Die Positionsleuchten auf dem Landedeck sind nicht aktiv. Ich vermute einen technischen Defekt aufgrund von Asteroiden-Beschuss. Der Anflug ist ruhig, dennoch sehe ich mich gezwungen, meinen Passagier zur Ruhe zu ermahnen und den Pilotensitz in eine erhöhte Position zu bringen. Geschwindigkeit und Anflugwinkel sind optimal, die Sensoren geben akustische Meldung über die Annäherung an die Landebrücke. Ich stoppe die Maschine, doch die Trägheitsdämpfer machen Probleme. Ich verliere die Kontrolle, plötzlich ein heftiger Ruck, ein Knirschen, wir stehen – Ankunftszeit: 74998,71. Eine Delle mehr oder weniger macht den Braten jetzt auch nicht mehr fett. Ach, verdammt.

Dieser Artikel erschien zuerst im Duvenstedter Kreisel .

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