Kapitel 5: Der Agentenausweis

Datum

Samstag, zwei Uhr und dreißig Minuten. Die Schule war aus, alle Erwachsenen saßen beim Kaffee und wir Kinder durften raus.

„Einfach in die Pedale treten und losfahren.”

„Ey, das versuche ich doch.” Pablo hatte gut reden. Wenn es beim Fahrradfahren lernen damit getan wäre, einfach loszufahren, dann bräuchte man ja schließlich nichts zu lernen, dachte ich.

„Treeeten, nach vorne gucken…”
„Du nervst voll.”

So kippelte und wackelte ich unbeholfen mit dem von Pablo geliehenen Rad über den Schulhof und war einfach nur frustriert. Um alles noch viel schlimmer zu machen, musste Melanie ausgerechnet jetzt mit ihrer kleinen Schwester vor dem Schuleingang Murmel-Klickern spielen. Melanie fand ich toll. Sie hatte Sommersprossen, tiefbraune Haare und trug eine Brille. Wegen der Brille wurde sie von einigen Kindern „Brillenschlange” oder „Vierauge” genannt. Aber darüber ärgerte sie sich eigentlich nie. Ich fand, dass die Brille sehr gut zu ihr passte und überhaupt fand ich Melanie irgendwie gut. Nicht so gut fand ich allerdings, dass sie mich bei meinen Fahrversuchen beobachtete. Das war mir sehr peinlich, weil, ich habe dir ja schon mal erzählt wie das so war, wenn ich ein Mädchen gut fand. Da wollte ich immer ganz besonders cool und lässig wirken. Jedoch, was ich dort veranstaltete, war so ziemlich das Gegenteil davon. Ich wollte einfach nur weg und war kurz davor, das Pablo zu sagen. Auch wenn das bedeutet hätte, dass er mit mir eine Diskussion über „Durchhaltevermögen” und „eiserner Wille” anfangen würde. Doch dazu kam es nicht, denn ich hatte Glück. Genau in jenem Moment kam Ingo um die Ecke geflitzt.

„Leute, Männer, Kameraden, ihr glaubt es nicht, ihr glaubt es nicht …”

Völlig verschwitzt und schnaubend kam er neben uns zum Stehen und legte gebeugt seine Hände auf die Knie, um erst einmal durchzuatmen.

„Männer”, japste er, „das ist der Knaller. Das müssen wir haben. Das ist der Hammer. Leute.”
„Was ist der Hammer? Was müssen wir haben? Was ist los?” Pablo mochte solche Auftritte nicht sonderlich, und das sah man ihm auch an.
„Männer, wie viel Taschengeld habt ihr noch übrig? Ich meine für nächste Woche?”
„Nix”, antwortete ich. „Das letzte Geld ging gestern für Eis drauf, und meine nächste Mark bekomme ich erst am Donnerstag.”
„Ich bin auch pleite.”

Ingo und ich schauten Pablo verwundert an. Pablo ohne Geld in den Taschen, das konnten wir uns gar nicht vorstellen.

„Ist so”, setzte er nach, als er merkte, dass wir ihm nicht glauben wollten. „Mein Papa ist im Krankenhaus. Seit zwei Wochen schon.”

„Echt? Wieso hast du uns das denn nicht erzählt?” Ich fand das irgendwie sonderbar.
„Weil es egal ist. Ich sehe ihn doch sowieso so gut wie nie.”
„Das heißt, du bekommst nächste Woche kein Taschengeld, Kamerad?”
„Echt, Ingo, ey, warum fragst du sowas? Sein Papa ist im Krankenhaus, Mann. Das ist nicht gut, verstehste?”

„Wieso denn? Ein Krankenhaus ist doch nichts Schlimmes. Meine Oma war neulich auch im Krankenhaus. Die haben wir besucht und alles, und ein paar Tage später war sie wieder zu Hause und hat Kuchen gebacken. Weißt du, den mit dem Vanillepudding drin, wo dann noch so Kirschen drauf kommen und das alles mit Schoko….”

„Jau Ingo, der Kuchen interessiert jetzt echt niemanden”, unterbrach ich ihn. Hätte ich das nämlich nicht getan, dann stünde Ingo heute noch auf dem Schulhof und würde über Kuchen reden. Obwohl ich zugeben muss, dass Ingos Oma wirklich sehr gut backen konnte. Einmal, da waren wir bei Ingos Papa eingeladen. Zum „Forellenteich Fest”, wie er es nannte. Da hatte die Oma ganz schön viel Selbstgebackenes mitgebracht. Ich konnte gar nicht aufhören zu futtern, weil alles so lecker war, und wäre beinahe geplatzt. An den Tag kann ich mich auch deswegen so gut erinnern, weil Ingo ins Wasser geplumpst ist, weil er… Ach, weißt du was, das erzähle ich Dir ein anderes Mal. Viel wichtiger ist jetzt, was mit Pablos Papa los war.

„Nein, ich bekomme nächste Woche kein Taschengeld, K-A-M-E-R-A-D.” Pablo war echt angefressen. „Und ich kann meinen Papa auch nicht besuchen fahren, weil er seine Ruhe braucht. Das haben die Ärzte gesagt. Und zu Hause ist nur Marie. Die bekommt von meinem Papa Geld dafür, dass sie für uns kocht und sauber macht, aber die gibt mir kein Taschengeld, okay?”

„Ich frag’ ja nur.” Ingo verstand gar nicht, warum Pablo so sauer war. Darum hinderte ihn auch nichts daran, einfach weiter zu reden. „Ist ja auch egal, Leute. Also hier, Moment.” Er wühlte in seinem Lederrucksack herum, holte eine – ziemlich zerfledderte – Zeitschrift hervor und fuchtelte damit wild vor unseren Nasen herum. „Seht ihr das hier? Ist das cool, oder was?”

„Is’n Yps-Heft, so ein Schund.” Pablo fand Comic-Hefte nämlich doof. Er las praktisch nur Fußball-Zeitschriften und sammelte Fußball-Sticker.

„Schaut mal, was da nächste Woche drin ist. Da, hier.” Ingo blätterte hektisch in dem Heftchen herum und stoppte auf einer Seite, die eine Vorschau auf das gab, was in der nächsten Ausgabe erscheinen würde. Breit grinsend hielt er sie uns entgegen.

„Start der Agentenserie. Nächstes Mal: Der Agentenwau… nein… Agenten… Ausweis mit… Cooo-dier-scheibe. Mit Codierscheibe für geheime Nach-rich-ten und… Platz für eigenes Foto.” Beim Lesen hatte ich gerade bei längeren Wörtern noch etwas Schwierigkeiten.

So, jetzt muss ich noch mal kurz unterbrechen, um dir zu erklären, was ein “Yps” überhaupt war. Du kennst doch diese Kinderzeitschriften. Das sind die, wo meistens noch irgendein Spielzeug oder ein Bausatz oder sowas dran gepappt ist. Wir hatten damals natürlich auch schon Kinderzeitschriften, aber die kamen immer ohne Spielzeug oder Bausatz oder sowas. Außer eine: Yps. Das war damals etwas völlig Neues und die meisten Kinder waren genau darum völlig verrückt nach dem Ding. Es gab nur zwei Probleme bei der ganzen Sache. Das eine war, dass das Yps gemessen an dem Taschengeld, das wir bekamen, verdammt teuer war. Das andere war, dass viele Eltern Yps ziemlich bescheuert fanden. So bescheuert, dass es einigen Kindern sogar verboten war, das Heft zu kaufen. Ich gehörte glücklicherweise nicht dazu.

„Männer, das ist doch der Knaller. Wir sind doch eine Bande oder?” Wir nickten zustimmend. Pablo fügte hinzu: „Pablos Bande!”

„Jaja, egal. Aber wenn jeder von uns diesen Ausweis hätte, dann wäre das offiziell. Dann könnten wir jedem zeigen ,zu welcher Bande wir gehören. Und wir könnten immer überprüfen, ob jemand überhaupt zu unserer Bande gehört.”

„So’n Quatsch. Ich weiß doch, dass du und Pablo zu unserer Bande gehören”, entgegnete ich. „Pablos Bande”, ergänzte Pablo.

„Kamerad, und was ist mit der Codierscheibe? Überleg‘ mal. Dann können wir uns geheime Botschaften zuschieben und nicht einmal Frau Schall kann sie lesen.”

Das war natürlich ein Argument. So eine Codierscheibe ist schon eine tolle Sache. Das Sache funktioniert so, dass man sich einen Text überlegt und mit Hilfe der Scheibe die einzelnen Buchstaben durch kleine Symbole, Zahlen oder andere Buchstaben ersetzt. Am Ende steht auf dem Papier nur wirres Zeug und nur wer die gleiche Codierscheibe hat, kann den Text wieder so übersetzen, dass er einen Sinn ergibt. Gerade wenn man geheime Pläne unter Freunden schmiedet oder so, ist das eine feine Sache.

„Du hast recht, damit könnten wir etwas anfangen”, sagte ich. „Wir brauchen also drei Yps-Hefte und vielleicht noch ein viertes in Reserve, falls wir mal ein neues Bandenmitglied…”

„… in Pablos Bande…”, unterbrach mich Pablo.

„Ja, ja, ja. Also wenn ein Neuer dazu kommt, dann braucht der natürlich auch so einen Ausweis. Was kostet das Heft eigentlich jetzt?”

„Moment, Kamerad. Ähm… eine Mark und neunundneunzig Pfennige.”

„Also zwei Mark. Zwei Mark für jedes Yps und wir brauchen vier Stück, das sind dann… neun, nein, acht. Acht Mark brauchen wir. Dafür muss ich acht Wochen sparen oder zwei, wenn jeder sein eigenes selber kauft. Wieviel Geld hast du denn noch Ingo?”

Ingo begann erneut in seinem Rucksack zu wühlen. Erst ruhig, dann hektisch, zwischendurch fluchte er ein wenig und am Ende zog er einen kleinen Stoffbeutel heraus, den er in eine Hand entleerte.

„Eins, drei, sieben, acht… ähm, acht Pfennige.”
„Na toll, dann fehlen uns ja nur noch sieben Mark und zweiundneunzig Pfennige.”
„Gut, was? Und nächste Woche bekomme ich noch mal fünfzig Pfennige.” Ingo strahlte bis über beide Ohren.
„Ne, gar nicht gut. Dann müssen wir mindestens vier Wochen sparen. Pablo bekommt ja momentan nichts.”
„Das geht nicht. In zwei Wochen und ein paar Tagen kommt schon das nächste Yps, dann sind die Hefte mit dem Ausweis schon weg”, quietschte Ingo.
„Und nun?” Ich war ratlos.
„Arbeiten”, grummelte Pablo. „Wir müssen dafür arbeiten. Wir könnten zum Beispiel Pfandflaschen sammeln, so wie du neulich.”

„Igitt, bäh”, erwiderte ich, „das mache ich nie wieder. Die meisten stinken ganz widerlich nach vergammeltem Putzmittel oder so. Keine Ahnung, was die Leute da trinken. Das tue ich mir nicht noch mal an. Wir müssen was Besseres finden.”

„Dann gründen wir eine Firma. Pablos Hilfe-Bande für Hilfe aller Art. Ich weiß genau, wie das geht. Das habe ich bei meinem Papa gesehen. Wir müssen Werbung machen und dann helfen wir, wo wir können. Ich kann zum Beispiel gut Rasen mähen. Bei uns gibt es nämlich immer sehr viel zu mähen. Und Spaß macht das auch. Was könnt ihr denn so?”

„Ich kann einkaufen gehen. Man muss darauf achten, dass man das Richtige mitnimmt und auf die Preise muss man auch achten. Und beim Einpacken kommen die schweren Sachen nach unten und die leichten und weichen nach oben.” Das wusste ich deswegen so genau, weil ich immer, wirklich immer, mitkommen musste, wenn meine Mama einkaufen ging.

„Schnitzen”, jubelte Ingo. „Ich kann schnitzen.”
„Wer zum Teufel braucht denn etwas Geschnitztes?”, fragte Pablo genervt.
„Kamerad, denk mal an Speerspitzen zum Beispiel oder an die Griffe von Schwertern und alles.”

„Oooo-kay.” Pablo wirkte etwas verzweifelt. „Kein Mensch außer dir braucht in diesem Dorf Speerspitzen, klar? Also, was kannst du noch? Also was man auch wirklich gebrauchen kann. Versuch‘ mal praktisch zu denken.”

„Hmmm… ich kann Zugbrücken bauen, Burgen malen, auf einem Bein hüpfen. Und… und ich kann streichen. Ich habe letzte Woche mit Papi unseren Zaun neu gestrichen. Das geht ganz leicht.”

„Na also. Rasen mähen, Einkaufen gehen, Zäune streichen, das ist es. Morgen ist Sonntag, da kann ich nicht. Am Montag nach der Schule. Da treffen wir uns bei mir und schreiben Werbezettel und dann verteilen wir die im Dorf. Alles klar?”

Ingo und ich fanden die Idee super. Dass die Firma nun ausgerechnet „Pablos irgendwas” heißen sollte, war zwar nicht so toll, aber am Ende wollten wir schließlich nur Geld verdienen und darum riefen wir: „Jawoll.” Damit stand der Plan fest.

Der Sonntag war für mich quälend langweilig. Das lag daran, dass fast alle im Dorf morgens in die Kirche gingen und auch den Rest des Tages war nicht viel los. „Sonntags ist Ruhetag”, sagte meine Mama immer. Und „Ruhe” war wirklich wörtlich zu nehmen. Das ging sogar so weit, dass wir Kinder zwar raus konnten aber nichts tun durften, was irgendwie zu laut hätte sein können. Sogar Fußballspielen war nicht drin. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Nach viel Langeweile, schlafen und Schule war es dann endlich so weit. Du weißt schon. Die Erwachsenen tranken Kaffee und so weiter. Wir trafen uns bei Pablo zu Hause. Wir hatten Zeichenblöcke, Buntstifte und was wir so brauchten. Nachdem wir den halben Nachmittag darüber stritten, was genau denn so auf unseren Werbezetteln stehen sollte, begannen wir zu schreiben, bis uns die Hände fast abfielen. Am Ende des Tages hatten wir dreißig Blätter, die wir am nächsten Tag in der Gegend verteilen wollten:

FIRMA PABLO – Hilfe aller Art, wir mähen Rasen, gehen einkaufen & streichen Zäune.
Nur fünfzig Pfennige. ! Sonderangebot ! Wir stehen immer beim Parkplatz vor der Kirche

Am nächsten Nachmittag trafen wir uns auf dem Schulhof, jeder von uns mit zehn Werbezetteln in der Hand. Wir begannen uns zu beraten. Wie sollte es nun weiter gehen?

„Männer, wir stopfen die Dinger jetzt einfach in die Briefkästen in der Umgebung und dann regnet es Pfennige.”

„Viele haben wir ja nicht gerade”, meinte ich. „Mit dem Verteilen sind wir ruck zuck fertig. Und was ist, wenn die Leute unsere Zettel gar nicht lesen, sondern einfach in den Müll schmeißen? Mein Papa wirft Werbung immer gleich in den Müll. Die liest er noch nicht mal.”

„Mein Papi liest Werbung total gerne”, erwiderte Ingo.
„Jungs”, warf Pablo ein.
„Das mag ja sein. Aber das macht eben nicht jeder”, antwortete ich Ingo.
„JUNGS”, Pablo wurde nun etwas lauter.
„Kamerad, mein Papi ist bestimmt nicht der einzige, der Werbung liest.”
„Und mein Papa ist nicht der einzige, der keine Werbung liest.”
„HEY”, brüllte Pablo.

Ingo und ich schauten ihn erwartungsvoll an.

„Jungs, wir haben ein Problem. Lest euch unseren Text noch mal genau durch.”

Ich las ihn. Einmal, zweimal, aber ich konnte nicht erkennen, worauf er hinaus wollte. Nun gut, die Schrift war nicht immer ganz leicht zu lesen und ein wenig schief war sie auch. Ansonsten fand ich alles sehr gelungen. Darum sagte ich: „Ich weiß nicht, was du meinst. Ich finde alles supi.” Ingo konnte auch keine Fehler entdecken. Ganz im Gegenteil. Er fand die Burgen und die Wappen mit den gekreuzten Schwertern, die er auf seine Zettel gemalt hatte, sogar ganz außerordentlich gelungen.

„Jungs, da steht: ‘Wir stehen immer beim Parkplatz vor der Kirche’. Wie stellt ihr euch das denn vor? Sollen wir jetzt jeden Tag doof dort rumstehen und auf Aufträge warten, oder wie? Dass mir das nicht eher aufgefallen ist. So ein verdammter Mist. Mist. Mist, verdammt.” Pablo lief regelrecht rot an. So war er eben. Das war sein berühmtes Temperament. Er konnte sich sehr über andere ärgern, aber viel mehr noch über sich selbst.

Wir standen eine Weile ratlos herum und überlegten, was wir nun tun sollten. Alles noch einmal zu schreiben, kam für uns auf gar keinen Fall in Frage. So einigten wir uns nach einigem Hin und Her auf Folgendes: Wir strichen den Satz mit dem Parkplatz mit einem dicken Filzstift einfach durch, dreißig mal. Zum Glück hatte Ingo immer einen ganzen Satz Stifte in seinem Rucksack. Außerdem würden wir die Zettel nicht einfach in die Briefkästen stopfen, sondern vorher an den Türen klingeln und sie nur bei Interesse da lassen.

„Das traue ich mich nicht.” Ingo redete zwar gerne und viel, aber einfach so bei fremden Menschen klingeln, das fand er nicht gut. Und eigentlich hatte er damit ja auch recht. Eigentlich sollte man soetwas nicht machen. Erst recht nicht als Kind. Du weißt ja: Man weiß nie, was einen hinter fremden Türen erwartet. Aber in dem kleinen Dorf war das alles nicht ganz so wild. Anders als in einer großen Stadt kannte dort jeder jeden und wenn nicht, dann kannte man jemanden, der jemanden kannte. Daher machte ich mir keine großen Sorgen und es gelang mir Ingo davon zu überzeugen, es einfach mal zu probieren. Er könne ja erst einmal bei seinen Nachbarn anfangen. Zum Warmwerden, sozusagen. Der Rest-Mut käme dann ganz von alleine. Und so teilten wir uns auf. Pablo begann die Häuser in der Straße, die nach oben führte, abzuklappern. Ingo ging nach Hause, um sich durch seine Nachbarschaft zu arbeiten und ich machte mich auf den Weg zur Wassermühle, immer an der großen Straße
entlang.

Herr Diekmann stand in seinem Garten, der zur Straße hin zeigte, und schmierte pappiges Zeug an eine Mauer. „Einen schönen guten Tag, Herr Diekmann.”

„Oh, na du. Guck mal, unser neues Waschhaus ist fast fertig. Ich bin gerade dabei es zu verputzen.”

„Ach so. Herr Diekmann, brauchen Sie vielleicht etwas? Ich meine, soll ich mal für Sie einkaufen gehen? Weil nämlich, wir haben jetzt eine Firma.” Breit lächelnd reichte ich ihm ein Exemplar unserer Werbung.

„Hm. Oh. So so. Sonderangebot. Fünfzig Pfennige. Tja.” Herr Diekmann hob seine weiße Schirmmütze an und kratzte sich am Kopf. „Eine echte Firma. Das ist eine gute Sache”, murmelte er. „Also, ich könnte ein paar Gummibärchen gebrauchen und meiner Frau fehlen noch Kartoffeln für den Eintopf morgen. Weißt du was? Ich gebe dir einen Auftrag. Hier hast du Geld für die Sachen. Von dem Wechselgeld darfst du dann fünfzig Pfennige behalten. Leg mir den Einkauf nachher einfach auf den Küchentisch.”

Ich konnte es gar nicht fassen. Mein erster richtig echter Auftrag und dann auch noch so schnell. Das Geschäft brummte. Ich freute mich unheimlich und machte mich sofort auf den Weg zu Herrn Augusts Laden, erledigte meinen Auftrag und legte den Einkauf und das restliche Wechselgeld auf den Küchentisch. Jetzt fragst du dich vielleicht, wie ich es geschafft habe, die Sachen auf den Küchentisch zu legen. Das ist leicht erklärt. In dem kleinen Dorf war es nämlich üblich, dass die Haustüren nicht abgeschlossen wurden. Die meisten hatten nach außen sogar Türklinken. Natürlich hat man in der Regel trotzdem geklingelt und ist nicht einfach so in die Häuser spaziert. Aber weil Herr und Frau Diekmann mich gut kannten, konnte ich auch einfach so rein. Manchmal habe ich mich sogar zu Mittag oder beim Abendbrot einfach dazu gesetzt. Zumindest wenn es etwas Leckeres gab. Da war gar nichts dabei.

In den folgenden Tagen gelang es mir noch drei weitere Aufträge zu ergattern. Für Frau Züllinski holte ich beim Bauern eine Kanne frische Milch, der alte Mann, der neben der Kirche wohnte, brauchte dringend eine Kiste Mineralwasser – was eine ganz schöne Schlepperei war – und Herr August benötigte logischerweise nichts, bat mich aber, einen ganzen Schuhkarton voller Briefe zur Post zu bringen. Eine ganz schöne Lauferei war das alles, aber ich wusste ja, wofür ich es tat.

Für Freitag verabredeten wir uns zur Besprechung der Lage erneut vor der Kirche. Als ich dort ankam, saß Ingo bereits auf einer Bank und war kurz davor einzuschlafen. Sein Gesicht und seine Hände waren über und über mit weißer Farbe bekleckert und seine Haare standen wirr in alle Richtungen ab.

„Hey Ingo, alter Malermeister. Wie ist die Lage?” Ich setzte mich neben ihn und stupste ihn mit meinem Ellenbogen leicht in die Seite.

„Öhhh. Streichen. Malen. Nie wieder. Boah, war das anstrengend, Kamerad.”
„Also hattest du viel zu tun. Das ist doch gut. Gut fürs Geschäft. Super.”
„Ja, super, Kamerad”, stöhnte er und ließ seinen Kopf nach hinten fallen. „Ich kann nicht mehr.”

In jenem Moment ertönte aus der Ferne ein knatterndes Motorengeräusch, das sich langsam näherte. Nach einer Weile erkannten wir Pablo, der auf einer Art Mini-Trecker fuhr und grinsend und winkend auf uns zuhielt. „Was zum Teufel ist das denn?” So ein Ding hatte ich vorher noch nie gesehen.

„Das ist unser Rasenmäher, cooles Teil, was?” Pablo kam neben uns zum Stehen, schaltete den Motor des Gefährts ab und sprang fröhlich vom Sattel. „Zwölf PS, Zweizylinder, 2800 Umdrehungen pro Minute, 9 Liter Tank. Was’n mit Ingo los?”

„Jetzt wird mir auch klar, warum dir Rasenmähen so einen Spaß macht. Ist ja nicht zu fassen. Ingo ist völlig fertig.” Zur Demonstration stupste ich ihn erneut leicht an. Er wackelte ein wenig, rührte sich aber ansonsten nicht weiter.

„Kann der noch sprechen?”, fragte Pablo.
„Kann ich, Kamerad. Ich streiche nie wieder Zäune. Echt nicht.”
„Na super. Dann lasst uns mal sehen, was wir so haben.”

„Also ich habe zwei Mark. Nicht schlecht, was?” Ich war ganz schön stolz auf das Ergebnis, und wenn die anderen beiden genau so viel erarbeitet hätten, wären wir aus dem Schneider und könnten uns zumindest drei Ausweise leisten. „Ingo, wie schaut’s bei dir aus?”

„Fünfzig.”

„FÜNFZIG”, entfuhr es Pablo und mir wie aus einem Mund. Ich war mir nicht ganz sicher, was wir mit fünfundzwanzig Ausweisen hätten anfangen sollen, aber wir würden uns schon etwas einfallen lassen.

„Respekt. Ehrlich, Ingo, sei mir nicht böse, aber das hätte ich dir nicht zugetraut.” Ich konnte es wirklich nicht fassen, was der kleine Kerl in der kurzen Zeit alles geschafft haben musste.

„Danke, Kamerad”, stöhnte er, „aber die fünfzig Pfennige bringen uns echt nicht weiter, glaube ich.”

„PFENNIG? Um Himmels Willen, was hast du denn die letzten Tage gemacht? Fernsehen geguckt oder was?” Pablo wurde schon wieder wütend. Ich fand das zwar ein bisschen unfair, aber andererseits verstand ich so ziemlich gar nichts mehr.

„Ne, ich habe den Zaun von unserem Nachbarn gestrichen. Erst sauber machen, schleifen und dann habe ihn lackiert. Das war so ein Gefummel, weil da so Muster aus Metall drin sind. Hat drei Tage gedauert, bis ich damit fertig war.”

„Ähm, und dann hast du nur fünfzig Pfennige dafür genommen?”, fragte ich.

„Stand doch in unserer Werbung. Sonderangebot und so.”

„Ooookay, dann haben wir jetzt zwei Mark und fünfzig Pfennige. Na super. Alles für die Katz.” Ich war wirklich enttäuscht. Selbst wenn Pablo zwei Mark erarbeitet hätte, unser Plan ging hinten und vorne nicht auf. Ich wollte fast heulen, so enttäuscht war ich.

„Tja, dann wollen wir mal sehen, was der gute Pablo geschafft hat”, strahlte er, wühlte in seiner Hosentasche herum und holte eine ganze Handvoll Münzen hervor. „Ihr braucht nicht zu zählen. Es sind ganz genau sechs leicht verdiente Mark. Steuerfrei.” Wir hatten also insgesamt unfassbare acht Mark und fünfzig Pfennige. Das langte locker für die geplanten vier Yps. So fuhren wir mit Pablos Rasenmäher-Trecker zu dritt jubelnd rüber zu Herrn Augusts Laden, wo wir in nahezu feierlicher Stimmung die heiß begehrten Hefte kauften. Das restliche Geld durfte Ingo behalten, weil er uns irgendwie leid tat. Er investierte es sofort in ein Wassereis und eine Packung Kaugummis. Sparen war einfach nicht sein Ding. Da wir es vor Freude nicht aushielten, setzten wir uns sofort auf die Bank vor dem Geschäft, rupften die Folien der Hefte auf, schnappten uns zuerst die Ausweise und dann begannen wir zu lesen. Sogar Pablo, denn in einem Comic ging es um Fußball. Ingo schmiss eine Runde Kaugummi, es war angenehm warm und Frau August spendierte sogar jedem noch ein Glas selbst gemachte Limonade. Besser kann es eigentlich gar nicht mehr werden, dachte ich. Die ganze Mühe hatte sich wirklich gelohnt.

Jetzt willst du bestimmt noch wissen, was dann noch passierte. Na gut, aber ganz schnell.

Pablos Papa kam einige Wochen später wieder gesund aus dem Krankenhaus raus und nach Hause. Ich weiß bis heute nicht genau, warum er weg musste. Was ich aber weiß ist, dass er danach viel weniger gearbeitet und stattdessen ganz viel Zeit mit seinem Sohn verbracht hat. Zwischendurch sind die beiden gemeinsam in den Urlaub gefahren und der Papa kam sogar zu den Schulfesten und zum Sankt Martins-Umzug und allem. Ingo hat sehr, sehr lange keinen Farbpinsel mehr in die Hand genommen. Das Verrückte ist, dass er, als er mit der Schule fertig war, in die Lehre gegangen und am Ende Malermeister geworden ist. Soweit ich weiß, hat er sehr gut zu tun und sogar schon fünf Leute, die für ihn arbeiten. Mit den Ausweisen gaben wir in der Schule natürlich ganz schön an. Die Codierscheibe machte eine Weile Spaß, wurde uns aber irgendwann zu kompliziert. Mein Agentenausweis landete nach einigen Wochen in meiner Krimskrams-Schublade und war irgendwann ganz verschwunden. Manchmal finde ich das schade, denn ich hätte ihn heute gerne noch. Aber so ist das mit vielen Dingen. Sie kommen und gehen, aber eines bleibt: die Erinnerung.

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