Kapitel 2: Der Helm

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„Siehst du, Dinosaurierfische gab es doch. Steht hier drin. Auf Seite 13. Ganz klar.”

Ich schob Ingo ein Büchlein mit dem Titel „Ich entdecke die Welt: Saurier” rüber.

„Da steht doch nur, dass die auch im Wasser lebten. Deswegen müssen es doch noch lange keine Fische gewesen sein, Kamerad.”

„Boah, Ingo, ey, manchmal könnte ich dich echt…”

„Hey ihr Zwei, nicht tuscheln. Zuhören. Das ist die erste und letzte Verwarnung.”

Das war Frau Schall. Frau Schall war unsere Klassenlehrerin. Sie war manchmal sehr streng und mochte es gar nicht, wenn wir nicht richtig zuhörten. Die meiste Zeit war sie aber sehr nett. Ich fand sie sogar ausgesprochen nett. So nett, dass ich ihr mal ein Aquarium aus Pappe – mit Fischen aus Papier – gebastelt und geschenkt habe. Sie erklärte mir damals, dass sie es zwar ganz toll fände, aber mein Geschenk nicht annehmen könne, weil es Leute geben würde, die das komisch fänden. So richtig verstanden hatte ich das damals nicht. Aber weil sie sich doch ein wenig gefreut hatte und damit wir quitt waren, schenkte sie mir zum Dank das kleine Büchlein über die Saurier. Heimlich. Und das habe ich bis heute auch niemandem erzählt.

Plötzlich landete ein Papierkügelchen auf meinem Tisch. Ich nahm es an mich und schaute suchend in der Klasse umher. Aus der hinteren rechten Ecke des Raumes strahlte mir Pablo mit breitem Lächeln entgegen und zeigte mir beide Daumen. Ich seufzte, knüllte das Papier auseinander und las: „Heute Nachmittag zu den Soldaten.” Ich drehte mich wieder zu Pablo um, der noch immer grinste und wieder mit beiden Daumen nach oben zeigte. Ich schob das Papier rüber zu Ingo.

„Zu den Soldaten? Bist du doof?”, schoss es aus ihm heraus. Als er bemerkte, dass er das wirklich gerade laut in die Klasse gebrüllt hatte, hielt er sich instinktiv mit beiden Händen den Mund zu. Aber es war zu spät.

„Es reicht”, rief uns Frau Schall wütend entgegen. „Du und Ingo, raus. Vor die Tür. Und kein Theater im Treppenhaus.”

„Aber ich…”, weiter kam ich nicht.

„Raus. Alle beide.”
„Aber…” Es half nichts. Frau Schall schaute uns mit versteinerter Miene an und deutete zur Klassentür. Das war eindeutig. Leise und eingeschüchtert gingen wir aus dem Raum. „Und draußen wird nicht geredet”, rief sie noch hinterher, als wir die Tür von außen schlossen.

„Entschuldigung”, flüsterte Ingo.
„Pssst. Leise. Ich will nicht noch mehr Ärger haben.”

„Aber ich…”
„Pssst. Sei ruhig.”

„Du weißt doch, dass wir nicht zu den Soldaten gehen dürfen.”

Da hatte Ingo allerdings sehr recht. Wenn Du noch nicht weißt, was ein Soldat ist, dann erkläre ich Dir das mal eben kurz. Das ist jemand, der zu einer Armee gehört. Eine Armee sind viele Soldaten zusammen. Die benötigt man, wenn man in einen Krieg muss. Ein Krieg ist eine ganz schlimme Sache. Darum möchte ich Dir das gar nicht so ganz genau beschreiben. Aber soviel kann ich sagen: Ein Krieg ist so ziemlich der übelste Streit, den man sich vorstellen kann. Und da ist es dann mit Boxen und Schubsen und Kneifen und so nicht getan, das kannst Du mir glauben. Jedenfalls, vor langer Zeit, da gab es hier in Deutschland so einen schlimmen Streit. Und als ich so alt war wie Du jetzt, da hatten sich zwar schon längst wieder alle vertragen, aber ein paar Soldaten waren immer noch da. Die sollten aufpassen, dass nicht wieder einer einen Streit anfängt. Sie kamen aus Amerika. Aus den „Vereinigten Staaten von Amerika”, um genau zu sein. Und weil sich hier schon lange keiner mehr so richtig doll gestritten hatte, muss ihnen unglaublich langweilig gewesen sein. Und weil sie eben so viel Langeweile hatten, gingen sie mal hierhin und mal dorthin und übten Dinge, die man vielleicht mal ganz gut gebrauchen kann. Wie man seinen Rucksack richtig packt zum Beispiel. Oder wie man sich richtig gut verstecken kann und so Sachen. Und wenn dieses ganze Geübe mal etwas länger dauerte, hatten sie praktischerweise auch Zelte dabei. Dann bauten sie ein richtig großes Zeltlager auf. Mit Toiletten und einer Küche und einem kleinen Krankenhaus und allem, was man so gebrauchen kann. Und aus irgendwelchen Gründen zelteten sie sehr gerne auf der großen Wiese von Herrn Trödelmann. Das gefiel dem zwar gar nicht, aber er wollte sich auch nicht streiten und darum hat er nie etwas gesagt.

Und das war dann auch schon der erste Grund, warum wir nicht zu den Soldaten durften. Denn die Wiese von Herrn Trödelmann lag am anderen Ende des Dorfes. Noch hinter dem Bahnhof. Und weiter als bis zu dem Bahnhof durften wir nicht gehen, denn dort wurde die Straße etwas größer und auch gefährlicher. Naja, und dann war da noch die Sache mit den Soldaten an sich. Wenn die nämlich übten, dann konnte das schon mal etwas ruppig werden, und das ist dann nichts für kleine Kinder. Abgesehen davon mochten sie es auch nicht so gerne, wenn Fremde in ihrem Zeltlager herumspazierten. Vielleicht weil sie Sorgen hatten, dass ihnen jemand etwas wegnehmen könnte. Ja, und dann gab es einige Eltern, die Soldaten grundsätzlich nicht leiden konnten. Einfach so. Warum nicht, das hat man uns nie so richtig erklärt. Es hieß dann einfach: „Geht da nicht hin. Basta.” Und das war es dann. Das wäre auch eigentlich gar nicht so schlimm schwer gewesen, wenn da nicht diese klitzekleine Kleinigkeit gewesen wäre.

Ungefähr drei Monate zuvor hatten die Soldaten nämlich schon einmal an der selben Stelle gezeltet. Michi, Uwe und ein großer Junge, dessen Namen ich nicht weiß, sind trotz aller Verbote dorthin gegangen. Was soll ich sagen: Michi bekam einen Rucksack geschenkt. Ein ganz dolles Ding in Dunkelgrün mit ganz vielen Schnallen dran. Eine Schlaufe war zwar abgerissen, aber die konnte seine Mama wieder annähen. Uwe bekam ein Tarnnetz. Mit dem konnte man sich im Wald ganz toll verstecken und dann fand einen niemand mehr. Der große Junge bekam angeblich einen richtigen Ritterhelm, aber gesehen hat den nie jemand. So oder so waren wir neidisch und dachten immer wieder darüber nach, was wir wohl Tolles geschenkt bekommen würden. Und nun war die Gelegenheit da.

„Wenn meine Mami erfährt, dass ich dort war, bekomme ich richtig Ärger”, flüsterte Ingo.

„Ey, können wir das bitte in der Pause besprechen, ja?” Ich wurde langsam etwas wütend. Nicht nur, weil ich wegen Ingo im Treppenhaus ‘rumstand, sondern auch, weil er einfach nicht den Mund halten konnte. Das war eine seiner Macken, die mich immer wieder fast in den Wahnsinn trieb. Aber Du weißt ja, wie das bei Freunden ist.

„Und Papi, der wird durchdrehen, ne ne, da mache ich nicht mit, Kamerad.”

„Würdest du jetzt bitte endlich still sein?”
„Da musst du mit Pablo alleine hingehen.”

„RUHE”, schrie ich. Wenige Augenblicke später öffnete sich hinter uns die Klassentür und Frau Schall kam heraus.

„Ihr könnt es nicht lassen, was?” Sie sah ausgesprochen böse aus.
„Aber ich… wir…”, weiter kam ich nicht, denn im selben Moment ertönte die Pausenklingel.

„Raus mit euch auf den Pausenhof, aber ganz plötzlich.” Das musste sie uns nicht zweimal sagen, und wir rannten so schnell wir konnten raus. Wir liefen zu unserem Geheimversteck hinter den Mülltonnen. Kurz darauf traf auch Pablo ein.

„Ich gehe nicht zu den Soldaten”, sagte Ingo.
„Die Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder”, erklärte Pablo. „Mein Vater hat erzählt, dass die bald ganz woanders hinziehen. Woanders stratoniert, oder so.“

„Stationiert”, korrigierte ich.
„Egal. Wer weiß, ob die überhaupt noch mal auf die Trödelmann-Wiese kommen.”

„Ich gehe nicht zu den Soldaten”, wiederholte Ingo.

„Ich weiß nicht so recht. Bis zum Bahnhof bin ich ja schon mal gelaufen. Aber weiter, ne. Da ist doch die Straße so groß und voll. Das traue ich mich nicht”, meinte ich.

„Ich gehe nicht zu den Soldaten.”
„Du warst noch nicht oft beim Bahnhof, stimmt´s”, fragte mich Pablo.

„Ein oder zwei Mal vielleicht.”
„Ich gehe nicht zu den Soldaten.”

„INGO!”, riefen Pablo und ich wie aus einem Mund.
„Boah, ey. Wir haben es begriffen, Ingo.”

„Ich gehe da wirklich nicht hin.”
„Wenn man bis ans Ende des Bahnsteiges geht”, erklärte Pablo, „da kommt doch dann dieses Eisenbahn-Dingsbums, richtig?”

„Das Signal”, erklärte ich.
„Du nervst. Dann halt das Signal. Und wenn man da über die Schienen geht und einmal durch den Busch”, setzte Pablo fort, „da fließt dann unser Bach durch.”

„Echt, da fließt unser Bach noch durch? Das habe ich noch nie gesehen. Das wusste ich nicht.” Das war insofern etwas seltsam, weil ich den Bach einmal durchwandert hatte und fest davon überzeugt war ihn komplett zu kennen.

„Das kann man auch nicht wissen. Den sieht man von der großen Straße aus ja auch nicht. Und warum sieht man den nicht?”

„Na?”
„Weil der Bach unter der Straße lang fließt. Darum sieht man den nicht. Da ist nämlich sowas wie eine große Brücke.”

„Ja und?”
„Dann müssen wir nicht über die Straße gehen. Und wir kommen viel einfacher zum Lager. Und sehen kann uns da auch niemand.”

„Okay, den Bach gucke ich mir noch an, aber bis zum Lager gehe ich nicht.” Mir war wirklich nicht besonders wohl bei der ganzen Sache.

„Das sind dann doch nur noch ein paar Meter. Wir huschen da schnell hin, stauben unsere Geschenke ab und sind vor dem Dunkelwerden wieder zu Hause. Im Grunde gehen wir ja nur zum Bahnhof und dann ein paar Meter weiter. Aber da man das ja nicht sieht, ist das praktisch so, als wären wir nur bis zum Bahnhof gegangen. Nur ein bisschen weiter halt.”

Pablo konnte manchmal sehr überzeugend sein. So wie er die Sache erklärte, hörte sie sich gar nicht mehr so schlimm an.

„Okay, wir treffen uns um halb drei bei der Kirche.” Er wollte jetzt nicht mehr weiterdiskutieren.
„Okay, Männer”, rief Ingo.
Und so kam es, wie wir es verabredet hatten. Während die Erwachsenen alle dabei waren Kaffee zu trinken, machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Den darfst Du Dir allerdings nicht so vorstellen wie die Bahnhöfe in Hamburg, denn es gab nur ein einziges Gleis. Der Zug fuhr mehrmals am Tag hin und her. Wohin genau, das weiss ich nicht. Und wenn er an dem Dorf vorbei kam, hielt er immer nur sehr kurz und selten auch etwas länger, wenn er Post oder neue Ware für Herrn August dabei hatte, welche ausgeladen werden musste. Herr August war übrigens der Besitzer des Supermarktes, aber der kommt in dieser Geschichte nicht vor. Ein Haus gab es auch. Das stand dort nur zufällig und hatte mit dem Bahnhof eigentlich gar nichts zu tun. Außerdem war es eine Ruine, weil es dort mal so schlimm gebrannt hatte, dass man danach nicht mehr darin wohnen konnte. Das ist übrigens nur deswegen passiert, weil zwei Kinder heimlich mit Feuer gespielt hatten. Und jetzt kennst Du einen wichtigen Grund, warum man nicht mit Feuer spielen soll. Ansonsten waren ringsherum nur Wiesen, viel zu hohes Gras, irgendwelche Sträucher und das Bahnsignal, also eine Ampel für Züge.

„Hier ist die Stelle”, sagte Pablo und deutete auf ein riesiges Gestrüpp aus stacheligen Brombeerbüschen und Brennesseln, das durch einen sehr schmalen Trampelpfad durchschnitten wurde.

„Da willst du durch?” Ausgerechnet an jenem Tag war es nämlich sehr warm und wir hatten alle kurze Hosen an.

„Keine Angst Männer, ich erledige das.” Ingo sprang an uns vorbei, zog sein Holzschwert aus dem Gürtel und drosch auf die Pflanzen links und rechts neben dem Trampelpfad ein, dass es Blätter nur so regnete. Man konnte über Ingo vieles sagen, aber wenn er sich mal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann war er voll dabei. So dauerte es auch nicht lange, bis wir unter der Brücke standen, unter der der Bach floss. Dort sah es aus wie in einem uralten Tunnel. Es war nicht besonders eng, aber überall lag Müll herum und es roch komisch. Vorsichtig gingen wir am Bachufer weiter und riefen dabei irgendwelches alberne Zeug, weil es dort unten so schön hallte. Über uns polterten und rumpelten die Autos, neben uns plätscherte der Bach und am Ende des Tunnels konnten wir schon Herrn Trödelmanns Wiese sehen.

„Hey you little guys, stop, where do you want to go?”

Auf ein mal, wir waren noch keine zwei Meter aus dem Tunnel heraus, stand ein echter Soldat vor uns. Vermutlich war er sowas wie ein Wächter, der den Tunnel bewachen sollte. Er war unglaublich groß und sah nicht besonders freundlich aus. Wir bekamen sehr große Angst und wollten eigentlich einfach nur nach Hause rennen, aber unsere Knie zitterten und wir schwitzen und konnten uns komischerweise gar nicht mehr bewegen. Der Mann hatte eine olivgrüne Uniform an, einen grünen Helm auf und ganz komische Wappen und andere Aufnäher an seiner Jacke. Das alles war erstmal gar nicht so schlimm. Mein Freund Oliver aus der Nebenstraße hatte eine ähnliche Uniform. Sowas kannten wir schon. Die war zwar nicht ganz so grün, aber hatte auch Wappen drauf. Der war nämlich bei den Pfadfindern. Da war ich später übrigens auch, aber das ist jetzt total egal. Wir hatten nicht vor der Uniform Angst, sondern vor dem Mann, denn – und jetzt darfst Du nicht erschrecken – der hatte ein echtes Gewehr in der Hand. Gewehre kannten wir natürlich auch. Der Papa von Ulli war Jäger und Pablo hatte eines aus Holz. Damit spielten wir Cowboy und Indianer. Aber so ein Gewehr wie jenes hatten wir noch nie gesehen. Jedenfalls nicht in echt. Höchstens mal im Fernsehen oder auf Fotos. Es war pechschwarz und sah irgendwie einfach nur böse aus. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie schlimm das ist, so ein Ding in echt zu sehen. Und dann war da noch eine wichtige Sache, die wir ganz vergessen hatten: Die Amerikaner sprachen gar kein Deutsch, sondern nur Englisch. Und weil wir damals in der ersten Klasse noch keinen Englischunterricht hatten, wussten wir gar nicht, was der Mann von uns wollte. Wir dachten, er wolle uns einsperren oder noch viel Schlimmeres. In Wahrheit fragte er uns nur, wo wir hinwollten.

„Jack, Michael, Jason, come over. We have visitors.”

Plötzlich kamen noch drei weitere Männer in Uniform herbeigelaufen. Die hatten zum Glück keine Gewehre, aber sie waren auch groß. Einer von ihnen hatte ganz schwarze Haut. Ein anderer hatte so dicke Armmuskeln, dass er bestimmt ein ganzes Auto umkippen konnte. Da standen wir also nun. Drei kleine Kinder in kurzen Hosen, eines mit Holzschwert und uns gegenüber vier große Männer in Uniform. Das war keine schöne Situation und weit und breit keine Eltern, die uns helfen konnten. Ingo fing an zu weinen, weil er gar nicht mehr wusste, was er tun sollte.

„Hey, little knight, all is good.”

Wir verstanden nur irgendetwas mit „Nacht” und „Gott” und das klang wirklich nicht besonders gut. „Einfach nur lächeln, Freunde. Einfach lächeln, dann passiert uns nichts.” Pablo hatte von uns deutlich die stärksten Nerven. Mir gelang es jedenfalls nicht zu lächeln. Ich wollte einfach nur nach Hause. Und zwar so schnell es ging.

„What´s your name?” Der Mann mit dem Gewehr beugte sich zu Ingo herunter und legte vorsichtig eine Hand auf seine Schulter. „Name” verstand dieser und so nannte er mit zittriger Stimme seinen Namen.

„Ingo, my friend,” sprach der Mann nun mit sehr sanfter und freundlicher Stimme, „don´t be afraid, but you´re not allowed to be here. Please take your friends and go home.”

Home – dieses Wort kannte Pablo zufällig. „Ich glaube, der will, dass wir wieder nach Hause gehen.”

„Keine schlechte Idee”, kommentierte ich.
„Okay, nach Hause, home”, schluchzte Ingo und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

„You´re a nice little fella. I´ve a son in your age. He is living by his mom in Texas. You remind me of him. He´s a big fan of knights, too. Do you know Ivanhoe?”

„Ivanhoe”, quietschte Ingo und war auf einmal gar nicht mehr ängstlich oder traurig. Ivanhoe war nämlich der Name eines bekannten Ritters. Und wenn es um Ritter ging, dann war es, als würde man bei Ingo einen Schalter umlegen. Und so brabbelte er plötzlich ohne Punkt und Komma minutenlang von Kreuzzügen und Angelsachsen und einem Mann namens Richard Löwenherz und noch mehr. Der Amerikaner verstand natürlich so gut wie nichts von alledem, weil, er sprach ja kein Deutsch. Aber er musste trotzdem sehr lachen. Und dann lachten auch Jack, Michael, Jason und Pablo und ich. Das hatte sehr gut getan. Denn plötzlich waren wir ganz erleichtert und wussten, dass uns nichts passieren würde. Als Ingo seinen Vortrag endlich beendet hatte, konnten wir uns vor lauter Lachen gar nicht mehr einkriegen. Das muss ein tolles Bild gewesen sein. Und Ingo stand nur da und fragte: „Was denn?”

„Ingo, I love you. Take this as a present, please. And go home. This is no place for children, seriously.”

Der Mann mit dem Gewehr setzte seinen Helm ab und gab ihn Ingo. Der wusste gar nicht was er sagen sollte. Ein echter Helm. Aus Eisen. Mit echten Lederriemen und allem. Er war völlig aus dem Häuschen, setzte sich das Teil auf und quiekte: „Danke, danke, danke.”

„Please go now. Go home.”
Wir verstanden und gingen den Weg den wir gekommen waren. Ingo tanzte die ganze Zeit vor uns her, den Helm aufgesetzt schlug er mit seinem Holzschwert um sich und freute sich so sehr, dass es kaum auszuhalten war. Schließlich hatten wir nichts geschenkt bekommen. Nicht einmal ein paar Kekse. Pablo und ich waren echt sauer. Aber auch ein wenig erleichtert. Der Schreck mit dem Gewehr steckte uns noch sehr in den Knochen.

„Sag mal Ingo”, unterbrach Pablo irgendwann den Freudentanz, „wo willst du den Helm eigentlich lassen?”

„Hä?”
„Du hast doch selbst gesagt, dass deine Eltern sauer werden, wenn du zu den Soldaten gehst. Wie willst du ihnen denn erklären, woher du den hast?”

„Mist”, erwiderte Ingo und war plötzlich gar nicht mehr so fröhlich. „Was soll ich denn jetzt machen?”

Und so überlegten wir, was wir tun könnten. Da es schon ziemlich spät und der Weg nach Hause noch weit war, blieb uns nicht mehr genügend Zeit, den Helm zu unserem Geheimversteck im Wald hinter der Wassermühle zu bringen. Und in der Nähe des Bahnhofes kannten wir uns nicht besonders gut aus, weil wir dort nur selten hingingen. So entschieden wir uns einen kleinen Umweg zu gehen, und das gute Stück vorerst im Wald bei den Pferdeweiden zu verstecken. Unter einer alten Eiche schien uns der geeignete Platz, und so gruben wir mit ein paar Stöcken ein nicht sonderliches tiefes Loch, legten den Helm hinein und tarnten ihn mit etwas Erde und ganz viel Laub. Vorsichtshalber markierten wir die Stelle noch unauffällig mit ein paar Steinen. Dort trennten wir uns und gingen nach Hause.

Die nächsten Tage hatten wir leider keine Zeit unseren Plan gemeinsam zu vollenden. Pablo hatte Besuch von seiner Oma und ich musste an einem Tag mein Zimmer aufräumen und zum Zahnarzt und an einem anderen mit meiner Mutter in die Stadt zum Einkaufen. Dann, eines Vormittags, die Schule hatte noch nicht angefangen, kam Ingo völlig aufgeregt und hektisch über den Schulhof gelaufen.

„Männer, Kameraden, Freunde, ich finde ihn nicht mehr. Ich finde ihn nicht mehr.”

„Wen findest Du nicht mehr?”
„Den Helm. Der ist weg oder ich finde die Stelle nicht mehr.”

„Ingo, echt, die Eiche, die Steine.” Pablo war fast ein wenig sauer, weil er Schusseligkeit nicht besonders leiden konnte.

„Das ist es ja, die Steine habe ich nicht gefunden.”

„Aber die Eiche doch wohl?”
„Tjaha. Wir haben uns zwar eine tolle Eiche ausgesucht, aber gestern beim Suchen ist mir nämlich was aufgefallen.”

„Und das wäre?”
„Da stehen ganz viele Eichen.”

Natürlich ließen wir Ingo nicht im Stich und suchten in der darauf folgenden Zeit immer mal wieder gemeinsam nach dem Helm. Irgendwann wurde das ganz normal und immer wenn wir nichts besseres zu tun hatten, machten wir uns auf zu dem Wald bei den Pferdeweiden. Es musste nur einer von uns „Helm” sagen und alle wussten, was gemeint war und dann ging es los. Jedes Mal war Ingo voller Hoffnung, dass wir ihn jenes Mal sicher und bestimmt finden würden. Und ganz oft unterhielten wir uns während der Suche über den Tag bei den Amerikanern. Ingo sagte dann ziemlich häufig: „Ich gehe nie wieder zu den Soldaten.” Gefunden haben wir ihn nie.

So war das. Jetzt möchtest Du bestimmt noch erfahren, was dann passierte. Na gut, aber ganz schnell: Die Soldaten durften irgendwann alle wieder nach Hause zu ihren Familien in Amerika fahren. Irgendwer war irgendwann der Meinung, dass sie in Deutschland nicht mehr gebraucht würden. Das muss eine ganz tolle Überraschung gewesen sein. Auch für Herrn Trödelmann. Denn nun konnte er seine Wiese endlich so nutzen, wie er es wollte. Und was soll ich Dir sagen? Er hat dort Kürbisse angebaut und mit einem ganz besonders großen Kürbis sogar mal einen Wettbewerb gewonnen.

Ingo hat vor einigen Jahren, da war er schon längst erwachsen und sogar selber Papa, Urlaub in dem Dorf gemacht. Und ob Du es glaubst oder nicht, er konnte sich bei einem Waldspaziergang ganz plötzlich wieder an das Versteck erinnern und hat den Helm wiedergefunden. Das ist wirklich wahr. Der war natürlich schon vollkommen verrostet, ganz klar. Aber das war ihm egal. Er nahm ihn mit und zeigte ihn seinem Sohn. Und er erzählte ihm, wie das damals so war mit den Soldaten, unserem verbotenen Ausflug und dem Helm.

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