Das Dorf in dem wir lebten...

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Während meiner Grundschulzeit lebten wir in einem kleinen Dorf. Es lag, umringt von Wäldern und Feldern, abgeschieden von irgendwie allem, mitten im Nirgendwo. Hier gab es nicht viel und wenn, dann immer nur ein Mal. Eine Kirche zum Beispiel. Und einen Kindergarten. Eine Apotheke gab es nicht. Aber einen kleinen Supermarkt und ein Schuhgeschäft. Das muss für viele Erwachsene unglaublich langweilig und unpraktisch gewesen sein. Für uns Kinder war es toll. Denn es gab auch so gut wie nichts, was uns hätte gefährlich werden können.

Das Schlimmste war die Hauptstraße, über die man ins Dorf hinein und bei Bedarf auch wieder hinaus fahren konnte. Besonders gefährlich war sie aber trotzdem nicht, denn es gab nicht sehr viele Leute, die in das Dorf hinein oder wieder aus ihm heraus fahren wollten. Die meisten wollten lediglich auf der einen Seite rein und auf der anderen Seite wieder raus um irgendwo hinzufahren, wo mehr los war oder weil sie zu einer Apotheke mussten. Darum gab es auch keine Ampeln oder Zebrastreifen. Trotzdem haben wir Kinder natürlich aufgepasst, wenn wir über die Straße gehen mussten.

Und weil es eben so wenig gab, worauf wir Kinder hätten aufpassen müssen, durften wir fast überall hin. Wenn wir draußen waren, dann waren wir draußen. Das konnte dann im Wald oder auf einem Getreidefeld oder am Bach oder bei der alten Wassermühle oder auf dem Schulhof sein, denn eine Grundschule gab es auch. Unsere Eltern sagten nie: „Ja, du kannst rausgehen, aber bleib‘ bitte auf dem Hof” oder so. Sie sagten einfach nur: „Wenn es dunkel wird, bist du wieder zu Hause, klar?” So einfach war das.

Und wenn wir draußen waren und Durst bekamen oder mal ganz dringend aufs Klo mussten, dann haben wir einfach irgendwo geklingelt und bekamen etwas zu trinken oder konnten aufs Klo. Das Tolle: Je nachdem wo wir klingelten, gab es auch schon mal Kekse. Einmal habe ich aus Zufall bei meiner Klassenlehrerin geklingelt, das war eine ganz schöne Überraschung. Da bekam ich sogar ein großes Stück Kuchen.

Mir ist ganz wichtig zu erklären, dass man in einer großen Stadt lieber nicht einfach irgendwo klingelt und in fremde Häuser oder Wohnungen geht. Denn es gibt leider auch sehr böse Menschen, die irgendwelchen Unfug anstellen, wenn ein Kind vor der Tür steht. In dem kleinen Dorf war das etwas ganz anderes, weil niemand wirklich richtig fremd war. Denn wenn man mal jemanden nicht so richtig kannte, dann kannte man schon jemanden, der ihn kannte. Und wenn nicht, dann war das auch nicht schlimm. Denn in dem Dorf war es so schön, dass so gut wie niemals jemand wegzog. Und wenn jemand Neues hineinzog, dann blieb er auch und wohnte immer im selben Haus. So wusste man immer, wo man sich beschweren konnte, wenn jemand mal etwas Böses oder sehr Dummes tat.

Meine besten Freunde waren Ingo und Pablo. Ingo wohnte mit seinen Eltern direkt
neben dem Dorfbach, über den er sich eine Zugbrücke gebaut hatte. Du musst nämlich wissen, dass Ingo Ritter total super fand. Wenn wir malten, malte Ingo Ritterburgen. Wenn Ingo mit seinen Eltern in den Urlaub fuhr, dann schauten sie sich echte Ritterburgen an. Und wenn man ihn fragte, was er sich denn zum Geburtstag wünsche, dann sagte er immer: „Ritterfiguren oder Bücher über Ritter, Kamerad”. Und die bekam er dann auch. Tja, und wenn wir spielten, spielte Ingo einen Ritter. Das hat zwar nicht immer so richtig gepasst, aber das war egal. Ach, bevor ich es vergesse: Ingo liebte Ravioli über alles. Ravioli sind eckige Nudeln mit einer Fleischfüllung und sehen deswegen aus wie kleine Kissen. Wenn Du sie bisher noch nicht probiert hast, dann musst Du das unbedingt einmal machen. Sie schmecken am besten in Tomatensoße. Was Ingo angeht, so kann ich mich nicht daran erinnern, dass er mal etwas anderes als Ravioli in Tomatensoße gegessen hätte. Außer zum Frühstück in der Schule natürlich. Das wäre ja auch eine Riesensauerei gewesen und kalt schmecken die natürlich auch nicht (1).

Pablo zeichnete aus, dass er sehr stolz darauf war aus dem Land Jugoslawien zu kommen. Das erzählte er jedem. Auch denen, die eigentlich gar nicht danach gefragt hatten. Heute gibt es Jugoslawien nicht mehr. Warum das so ist, kann ich Dir gar nicht genau erklären. Die Menschen in Jugoslawien haben sich jedenfalls sehr viel über Politik gestritten. Und zwar so doll, dass es dort sogar zehn Tage lang einen richtigen Krieg gab. Das war eine ganz schlimme Sache. Jetzt heißt das Land „Serbien und Montenegro“, aber das konnte Pablo damals ja noch nicht wissen. Er wohnte mit seinem Papa in einem sehr großen Haus, denn sein Papa hatte sehr, sehr viel Geld. Leider musste sein Papa dafür sehr viel arbeiten und saß den ganzen Tag vor der Schreibmaschine – Computer gab es damals nämlich noch nicht. Oder er telefonierte. Pablos Mama war nicht aus Jugoslawien mitgekommen. Warum das so war, wussten wir nicht und wenn wir fragten, warum sie nicht bei ihm und seinen Papa war, wurde Pablo manchmal unglaublich traurig und manchmal wahnsinnig wütend. Darum haben wir irgendwann gar nicht

mehr gefragt. Außerdem fand Pablo Banden ganz toll. Eine Bande ist, wenn man ganz viel gemeinsam unternimmt. So gesehen waren wir natürlich sowieso schon eine Bande, ganz klar. Nur bestand Pablo immer darauf, dass wir nicht einfach irgendeine Bande waren, sondern eben „Pablos Bande”. Das klang zwar ziemlich cool, aber war auch nervig, weil er immer wieder damit anfing. Wir haben trotzdem viel zusammen unternommen.

Wir haben sogar sehr viel zusammen unternommen, der Ingo, der Pablo und ich. Eigentlich haben wir sogar fast alles zusammen gemacht. Da kann ich Dir Geschichten erzählen, ich weiß plötzlich gar nicht mehr so richtig, wo ich anfangen soll. Ingo hat mich zum Beispiel mal vor dem Ertrinken gerettet. Pablo hat sich für mich geprügelt und ich habe uns drei sogar mal davor gerettet, so richtig zu erfrieren. Denn wir hatten uns verirrt, auf dem Weg nach Hause von der echten Burgruine. Die, die wir entdeckt hatten, obwohl wir eigentlich gar nicht die große Straße bis zum Ende gehen durften. Aber siehst Du, jetzt komme ich schon ganz durcheinander. Am besten ist es doch, wenn man ganz am Anfang anfängt. Also, das war so:

Fortsetzung folgt!

(1) Wenn Du irgendwann nicht mehr in die Schule gehst und vielleicht studierst oder einfach so das erste Mal alleine wohnst, dann wirst wirst Du das anders sehen und sogar noch ganz andere Sachen kalt essen, das kannst Du mir ruhig glauben.

Dieser Text erschien zuerst im Duvenstedter Kreisel

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